6) Museumspraxis – vor und hinter den Kulissen

Komplexe Anforderungen an Ausstellungskonzepte

Ethnologische Museen stehen vor der Aufgabe polyphone, komplexe und divergierende oder gar konfliktäre Stimmen und Perspektiven in ihren Ausstellungskonzepten zu berücksichtigen und in ihren Räumen zu repräsentieren. Die Komplexität menschlicher Lebenswelten und Wissensbestände wird auf begrenzten Ausstellungsflächen notwendigerweise reduziert und komprimiert dargestellt:

Wer ausstellt, muss Entscheidungen treffen. Dies gilt, neben anderen Aspekten, sowohl für die Auswahl der gezeigten Objekte als auch für die Perspektive unter der ein Gegenstand präsentiert wird. Unabhängig davon, wie komplex und facettenreich eine Ausstellung ist, die Vielfalt an Faktoren, die ein Objekt ausmachen, und die Menge an Bezügen, in die es verflochten sein kann, kommen in ihr immer nur teilweise zum Ausdruck. Thema, gegebene Räumlichkeiten sowie vor allem Mengenvorgaben für textlich oder in Audioform vermittelte Informationen führen in der Ausstellung zu einer Reduktion auf ausgewählte Aspekte (Kraus 2022: 220).

Viele ethnologische Museen und Sammlungen bemühen sich, ihre Objektbestände gerade auch Vertreter*innen von Herkunftsgesellschaften zugänglich zu machen und mit diesen zusammenzuarbeiten. Finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen, aber auch politische Kontexte können diese Anstrengungen erschweren. Zu den Herausforderungen zählt es dabei, auch die Vielstimmigkeit und Diversität, die innerhalb einer Herkunftsgesellschaft bestehen kann, bei der Entwicklung von Ausstellungskonzepten zu berücksichtigen. Die stets notwendige Auswahl an Artefakten und Perspektiven muss deshalb als Versuch verstanden werden, einen Ausschnitt menschlicher Lebensrealitäten und ihrer Beziehungen zur dinglichen Welt aufzuzeigen.

Als Nächstes wollen wir uns näher mit einem bedeutenden Bestand der Göttinger Ethnologischen Sammlung – der Cook/Forster-Sammlung – beschäftigen. Was im Folgenden deutlich werden soll, ist, dass Artefakte Menschen in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich bewegen. Ausstellungskonzeption, intendiertes Publikum, sozio-kulturelle und politische Kontexte nehmen Einfluss darauf, wie Artefakte und ihre Präsentationen wahrgenommen werden.