6) Museumspraxis – vor und hinter den Kulissen
Präsentieren und Repräsentieren (2)
In Anlehnung an den französischen Philosophen Roland Barthes und mit Bezug auf das Pferd „Comanche“ führt Henrietta Lidchi auch die Konzepte von denotation (Bezeichnung/Beschreibung) und connotation (Zuschreibung) ein.
Comanche zählte zu den Tieren, die im Juni 1876 unter General George A. Custer in der Schlacht am Little Big Horn zum Einsatz kamen. In dieser Schlacht fügten die Sioux und Cheyenne der US-amerikanischen Kavallerie eine verheerende Niederlage zu. Das schwer verletzte Pferd Comanche kam rasch in den Ruf, einziger Überlebender der US-Truppen zu sein. Gesund gepflegt, wurde es für die Armeeangehörigen ein Symbol „for the honor of the defeated men who had died for their country and for the shame and anger the nation felt at the Indians’ victory” (Lawrence, zit. in Lidchi 1998: 211). Nach seinem Tod 1891 wurde das Pferd in das Natural History Museum der University of Kansas überführt, präpariert und aufbewahrt. Auf der Weltausstellung in Chicago 1893 wurde Comanche zum ersten Mal ausgestellt. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand der Fortschrittsgedanke der USA, der Sieg der „Zivilisation“ über die „Wildnis“. In einem von nun an viele Jahrzehnte gängigen Ausstellungsnarrativ wurde die Schlacht am Little Big Horn dabei nicht beispielsweise als legitimer Verteidigungskrieg indigener Gesellschaften, sondern als „Massaker“ bezeichnet. Thus, he was transformed from an object representing a federal defeat to a subject articulating the Indian peoples’ way of life and struggle for existence […] Now, the horse was not just ‘a symbol of the Indians’ past victories, but ‘what modern Indians can accomplish (ibid.: 213). Das Beispiel zeigt, wie unterschiedlich und veränderbar die Zuschreibungen (connotation) sein können, die mit einem bestimmten Gegenstand, Ereignis oder auch Lebewesen verbunden sein können. Der Bezeichnung auf einer ersten Ebene – im genannten Beispiel der Klassifizierung von Comanche als „Pferd“ (= denotation) – würden dabei die allermeisten Personen sicherlich zustimmen. Während in den genannten Ausstellungen jeweils das gleiche Exponat – ein Pferd mit Namen Comanche – präsentiert wurde, repräsentierte dies im spezifischen Ausstellungszusammenhang bzw. aus Sicht der betrachtenden Personen ganz unterschiedliche Aspekte und Vorstellungen. | ![]() Comanche gesattelt und aufgezäumt in Fort Riley kurz vor seinem Tod im Jahr 1891 (Foto: unbekannt 1890) ![]() Comanche als Präparat nach der Restaurierung, Museum für Naturgeschichte der Universität von Kansas (Foto: unbekannt 2015) |

