5) Sensible Objekte – menschliche Überreste in ethnologischen Sammlungen
Kulturelle Diversität und historische Entwicklungen
Wie Menschen mit menschlichen Überresten umgehen ist kulturell divers; in den meisten Fällen ist die Art und Weise des Umgangs aber mit religiösen Vorstellungen verbunden und „erfordert ein ritualisiertes Verhalten der Pietät“ (Deimel und Schindlbeck 2013: 26). Dabei können menschliche Überreste auf vielfältige Weise ritualisiert werden: Sie können als Talisman mitgeführt werden, um Jagdglück zu bescheren; als Reliquie im Familienhaus aufbewahrt werden, um Schutz zu bieten; kunstvoll gestaltet sein, um zu bestimmten Gelegenheiten präsentiert oder in bestimmten Ritualen verwendet zu werden.
„Menschliche Überreste frei von religiösen Absichten zu interpretieren, ist dagegen ein neuzeitliches Phänomen“ (Deimel und Schindlbeck 2013: 27), das stark mit der Herausbildung wissenschaftlicher Disziplinen in Europa verbunden ist. Für medizinische Zwecke fertigte man beispielsweise bereits während der Renaissance anatomische Präparate an. Insbesondere seit dem späten 18. Jahrhundert wurden immer umfassender Schädel, Knochen und weitere Teile menschlicher Körper für Forschungszwecke gesammelt, untersucht und mit dem Ziel einer „Ordnung und Systematisierung der Vielfalt des Menschen auf dem Erdball“ (Grimm, zit. nach Stoecker 2013: 445) miteinander verglichen. Dabei spielten neben einem allgemeinen Interesse daran, den menschlichen Körper und die Menschheitsgeschichte besser verstehen zu können, auch Evolutionstheorien eine Rolle:
Mit der Veröffentlichung von Darwins Evolutionstheorie [1859: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, 1871: The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex] und den Theorien zur Evolution des Menschen begann sich die Sichtweise auf den Menschen und seine Entwicklung grundlegend zu ändern. Der Mensch wurde zunehmend als natürliches Wesen verstanden, das ebenso wie andere Spezies den biologischen Gesetzmäßigkeiten folgt. Es entstanden neue Ansätze zur Rekonstruktion der menschlichen Evolution. Vergleiche zwischen modernen und prähistorischen Menschen, verschiedenen modernen Menschen sowie Menschen und Affen wurden herangezogen. (Arndt, Schnalke, Wesche 2013: 14)
Die systematische Sammlung von menschlichen Überresten ist ein euro-amerikanisches Phänomen, das in einem spezifischen kulturellen und historischen Kontext aufkam und vor dem Hintergrund politischer Entwicklungen und globaler Ungleichheiten eine Dynamik entwickelte, deren materielle Resultate sich heute auch in ethnologischen Sammlungen befinden. Versuche, sich entsprechendes ‚Forschungsmaterial‘ anzueignen, waren oft gewaltbesetzt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts haben sie zu großen Beständen an menschlichen Überresten in europäischen und US-amerikanischen Zentren geführt. Anhand der vorhandenen Bestände wurden wiederum Konstruktionen von ‚Rasse‘ sowie sozialdarwinistische Erklärungsmodelle entwickelt.
Sowohl die Erwerbsumstände dieser menschlichen Überreste als auch die Auswirkungen ihrer Verwendungsweise gilt es aufzuarbeiten. Eine Darstellung der aus heutiger wissenschaftlicher Sicht unhaltbaren Annahmen von ‚Rasse‘ findet sich in der Jenar Erklärung gegen Rassismus.