5) Sensible Objekte – menschliche Überreste in ethnologischen Sammlungen
Menschliche Überreste in Sammlungen und Museen
Viele Museen und wissenschaftliche Sammlungen enthalten zahlreiche Objekte, die unter die Kategorie ‚menschliche Überreste‘ fallen. Dazu zählen nicht nur Objekte, die dem Arbeitsbereich der physischen Anthropologie angehören und zum Beispiel aus Schädeln und Skeletten bestehen. In ethnologischen Sammlungen sind es häufig Ritualgegenstände, aber auch Schmuck und Kopfjagdtrophäen, die menschliche Überreste enthalten. Diese Artefakte sind Teil der materiellen Kultur anderer Gesellschaften und mit Bedeutungen belegt, die in Zusammenhang mit komplexen Kosmologien und Ritualen stehen.
Da (Artefakte mit) menschliche(n) Überreste(n) in deutschen ethnologischen Museen und Sammlungen häufig nicht aus der eigenen Kultur/dem deutschen oder europäischen Raum, sondern aus indigenen Gesellschaften außerhalb Europas stammen und in Kontexten gesammelt wurden, die von starken Machtungleichheiten und/oder Gewalt geprägt waren, ergeben sich besondere ethische Probleme und komplexe Anforderungen an die museale Praxis.
In unserer Arbeitseinheit folgen wir den Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen (2013) und dem Leitfaden zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen (2021) des Deutschen Museumsbunds und verwenden statt des englischen Begriffs ‚human remains‘ den deutschen Ausdruck, um auf Artefakte zu verweisen, die ganz oder teilweise aus körperlichen Überresten von Menschen bestehen:
Der deutsche Ausdruck, der uns aus der Formulierung „sterbliche Überreste“ vertraut ist, führt uns deutlich vor Augen, wovon hier in der Regel die Rede ist: von verstorbenen Menschen. Anders als der Distanz schaffende englische Begriff berührt uns der Ausdruck „menschliche Überreste“ emotional. Das ist auch beabsichtigt, denn dies trägt zu einer Sensibilisierung bei. (Deutscher Museumsbund 2013: 7)
Dabei ist es wichtig zu berücksichtigen, dass verschiedene Interessensvertreter*innen unterschiedliche Begrifflichkeiten bevorzugen. So kann es sein, dass indigene Vertreter*innen den Ahnenbegriff bevorzugen und im Englischen von ancestors oder ancestral remains sprechen, um zu betonen, dass es sich nicht nur um die Überbleibsel von Menschen handelt, sondern um Personen, zu denen sie eine besondere Verbindung, ein Verwandtschaftsverhältnis haben.