5) Sensible Objekte – menschliche Überreste in ethnologischen Sammlungen

Sensible Objekte

Dinge werden sowohl von Einzelpersonen als auch kulturspezifisch und historisch unterschiedlich bewertet. „Objekte sind nicht aus sich heraus sensibel“, betont der Kulturwissenschaftler Christian Vogel (2018: 31). Sie „werden erst dazu gemacht, indem sie in historisch variierenden Kontexten als sensibel betrachtet oder dementsprechend gehandhabt werden.“ Ähnlich wie Objekte in den Analysen von Kopytoff und Appadurai (vgl. Lehreinheit 3) einen „Warenstatus“ erhalten und wieder verlieren können, können Dinge als sensibel oder auch nicht-sensibel wahrgenommen und behandelt werden:

So wurden etwa diejenigen Objekte, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in großer Zahl an die ethnologischen Museen der europäischen Metropolen kamen und die aufgrund ihres sakralen Verwendungskontexts einen besonderen Status in denjenigen Gemeinschaften genossen, aus denen sie stammten, im musealen Zusammenhang unter gänzlich anderen Vorzeichen aufbewahrt und ausgestellt. Die für Sammlungen und Museen so charakteristische Bewegung der De- und Rekontextualisierung ihrer Bestände machte aus den sakralen Gegenständen Wissensdinge, die nach den jeweils herrschenden wissenschaftlichen Paradigmen klassifiziert und in die institutionellen Logiken der Museen eingeordnet wurden. (Vogel 2018: 33)

"Im Gegensatz zu dieser De-Sensibilisierung“, erläutert Vogel (ibid.),

kann man gegenwärtig im Zuge aktueller Debatten über die Rechtmäßigkeit musealer Erwerbspraktiken eine Bewegung in die andere Richtung beobachten. Durch die historische Aufarbeitung der kolonialen Erwerbsbedingungen und durch die öffentlichen Debatten über Rückführung von Objekten in die ehemaligen source communities findet momentan eine Re-Sensibilisierung ganzer Objektbestände statt.

In diesem Kontext werden auch Objekte sensibilisiert, die in ihren Herkunftsgesellschaften nicht als sensibel bewertet werden. Auch bei Artefakten, die menschliche Überreste enthalten, muss es sich nicht zwangsläufig um für die Herkunftsgesellschaft sensible Objekte handeln. Die Ethnologin Hilke Thode-Arora schreibt:

So weist etwa die seit Mitte des 20. Jahrhunderts häufig verwendete Echthaarperücke einer japanischen Geisha keinen Bezug zu einer von ihr bekannten oder verehrten Person auf, sondern scheint ein profanes Objekt zu sein. Der im 19. Jahrhundert auf den pazifischen Marquesas-Inseln geschätzte Kopf, Schulter- und Rückenschmuck aus Menschenhaar konnte von Freunden, Verwandten, besonders verehrten Personen, getöteten Feinden stammen oder auch einfach nur gekauft worden sein. (Thode-Arora 2021: 102-103)

Auch ein Tanzgürtel aus Frauenhaar (te nuota), der aus dem pazifischen Inselstaat Kiribati stammt, wird in seiner Herkunftsgesellschaft nicht als sensibles Objekt bewertet. Für die Ethnologische Sammlung in Göttingen erwarben Elfriede Hermann und Wolfgang Kempf 2016 einen solchen Gürtel, der aus dem Haar weiblicher Verwandter für einen Tänzer gefertigt wird und sehr persönliche familiäre Bindungen repräsentiert:

Um Tanzmatte gewickelter Frauenhaargürtel (Oz 4252). Foto: H. Haase

 "Dieser Gürtel gilt in den Augen der I-Kiribati als besonders wertvolle Komponente des Tanzkostüms, weil darin die Liebe zum Ausdruck kommt, die weibliche Verwandte den Tänzern entgegenbringen – eine Liebe, die während des Tanzes erfahrbar wird" (Hermann/Kempf 2024 [in Vorbereitung]). Eine Veräußerung an ein Museum und seine Ausstellung dort ist für die ursprünglichen Besitzer*innen unproblematisch. 

Der Umgang mit Objekten in ethnologischen Sammlungen und Museen ist daher auch immer mit der Frage verbunden, wessen Ethik man in der Bewertung eines Objekts als sensibel Vorrang gibt. Eine „kulturhistorische Fragestellung“ möchte „die Sensibilität eines Objekts nicht voraussetzen – oder eine solche dem Objekt im Vorfeld absprechen. Die Sensibilität eines Objekts steht vielmehr am Ende einer Analyse, die danach fragt, für wen, wann, unter welchen Bedingungen und durch welche Praktiken ein Objekt sensibel wird“ (Vogel 2018: 32).