4) Provenienzforschung und koloniale Kontexte. Beispiele, Begriffe, Debatten

Erwerbungsbeispiele

Gegenstände gelangten zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) sowohl aus wissenschaftlichen als auch aus ökonomischen und missionarischen, aus privaten und staatlichen und auch aus militärischen Interessen und Kontexten in den Besitz ethnologischer Museen. Über den „Raub kultureller Objekte und menschlicher Überreste“ mithilfe von „Militärgewalt und sogenannten Strafexpeditionen“ in den deutschen Kolonialgebieten in Afrika und Ozeanien, erstellte Eva Künkler für das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste jeweils eine online abrufbare Studie.

Politisch existierte im Kaiserreich ein vorgegebenes Interesse am Sammlungserwerb. So legte ein Bundesratsbeschluss vom 21. Februar 1889 fest, 

daß die auf Reichskosten ausgesendeten Forschungsreisenden angewiesen werden, ihre Einsendungen von ethnographischen oder naturwissenschaftlichen Gegenständen thunlichst in der von den Bundesregierungen gewünschten Zahl von Exemplaren zu bewirken. (zit. nach von Luschan 1904: 4)

Zugleich war mit diesem Beschluss die Vorrangsstellung der Museen in der Hauptstadt Berlin festgelegt worden. So wurde angewiesen

[...] daß die ethnographischen und naturwissenschaftlichen Sammlungen, welche von den auf Reichskosten nach den deutschen Schutzgebieten ausgerüsteten Expeditionen eingehen, nach Aussonderung der Dubletten den hiesigen [Berliner] Königlichen Museen für Völkerkunde und Naturkunde bzw. den botanischen Anstalten der hiesigen Universität gegen Erstattung der Anschaffungs-, Verpackungs- und Transportkosten eigenthümlich überlassen werden (ibid.).

Von den Berliner Museen wurden Gegenstände auch an andere Institutionen weitergegeben. Die Ethnologische Sammlung in Göttingen erhielt 1939 zwei Schenkungen vom Museum für Völkerkunde (heute: Ethnologisches Museum) in Berlin. Jeweils gut 200 Objekte , die ursprünglich aus kolonialen Kontexten aus Afrika bzw. Ozeanien stammten, gelangten damals von Berlin nach Göttingen.