3) Objektbiografien und Wirkmächtigkeit von Dingen

Biografischer Forschungsansatz

Der biografische Forschungsansatz bietet Ethnolog*innen die Möglichkeit mehr über das Leben bestimmter Personen, oder aber idealtypische Lebensläufe zu erfahren. Wir können die tatsächliche Biografie eines bestimmten Menschen studieren und darstellen, oder aber aufbauend auf einer Vielzahl biografischer Daten eine für eine bestimmte Gesellschaft oder Personengruppe als typisch erachtete Biografie konstruieren. Bei letzterem handelt es sich um eine idealisierte Biografie, um ein Modell, das aus emischer Sicht als erstrebenswert angesehen wird, von dem sich tatsächliche Lebensgeschichten aber immer aufgrund bewusster Entscheidungen oder Einflüssen von außen unterscheiden können. 

Übertragen auf den Forschungsansatz der Objektbiografie bedeutet diese Methodik, dass wir entweder versuchen können uns der konkreten Lebensgeschichte eines spezifischen Sammlungsobjektes zu nähern, indem wir versuchen etwas über seinen spezifischen Entstehungs- und Erwerbskontext und eventuelle Zwischenstationen seines Lebens herauszufinden. Wir können uns diesem Sammlungsobjekt aber auch annähern, indem wir uns anschauen, wie das sozio-kulturelle Leben anderer, ähnlicher Objekte beschaffen ist. Über einen Vergleich der biografischen Daten verschiedener Objekte eines Objekttyps können wir uns einer idealtypischen Objektbiografie nähern und über diese mehr über das Sammlungsobjekt erfahren.

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Dabei – und bereits Kopytoff weist auf diesen Umstand hin – ist unser Wissen über Biografien immer unvollständig und durch den Fokus, den man an sie heranträgt, maßgeblich beeinflusst. Es gibt unterschiedliche Perspektiven auf die Biografie jeder Person und jedes Objekts; in unseren Untersuchungen konzentrieren wir uns aber notwendigerweise auf bestimmte Aspekte ihrer Lebensgeschichten und blenden andere aus.
Zugang zu der Biografie eines Objekts können wir finden, indem wir uns auf Szenarien des Wechsels fokussieren: Im Tausch, Handel, oder der Schenkung können Dinge neue Bedeutung gewinnen. Wir finden ebenso Zugang über ihren Auftritt in öffentlichen Aufführungen, die zum Beispiel ihre rituelle Bedeutung oder Belebtheit als Person (z.B. Ahne) in Szene setzen. Objekte können aber auch Teil von persönlichen Lebensgeschichten sein und über diese eine spezifische Bedeutung erhalten. Dies wurde beispielsweise im Göttinger Forschungsprojekt ‚Zur Materialität von Flucht und Migration‘ herausgearbeitet, wo man viele solcher Geschichten und Beziehungen auf einer Webseite versammelt hat. Für die kulturelle Biografie und das soziale Leben eines Sammlungsobjekts sind vorhandene Dokumentationen zu seinen Erwerbsumständen zentraler Ansatzpunkt einer objektbiografischen Forschung, die als ‚Provenienzforschung‘ besondere Bedeutung hat (siehe dazu die Lehreinheiten 4 und 5‘).