1) Objektforschung und Bedeutung von Sammlungen und Museen
Zielsetzungen und Definitionen
Die Aufgaben von Museen und Sammlungen sind in der Regel so vielfältig, dass sie nicht einfach auf einen Punkt zu bringen sind. Diskussionen hierüber sind immer wieder aktuell – und jede Person und Generation ist stets aufs Neue gefordert, sich damit auseinanderzusetzen, zu positionieren und einzubringen. Der Ethnologe Christoph Antweiler plädiert beispielsweise dafür, ethnologische Museen zum Ausweis disziplinärer Forschungen und Entwicklungen zu machen, wobei der Fokus auf den vorhandenen Gegenständen liegen soll:
Die Museen wie auch die Ethnologie als Fach müssen die gesellschaftlichen Bedingungen beachten und der Gesellschaft etwas bieten. Ethnologen sollten aber primär selbst die Ziele der Museen bestimmen, statt sie sich als ›Aufgaben‹ von außen vorsetzen zu lassen [...] Das Hauptziel (im Bereich der Präsentation […]) sollte es sein, Ensembles materieller Gegenstände an einem Ort persönlich erfahrbar zu machen. Die Objekte können als solche präsentiert werden oder auch als Dokumente von Begegnungen und Transfers zwischen Menschen verschiedener Kulturen. Hierzu gehören auch die Beziehungen zwischen Museen […] und den Herkunfts-Gemeinden der Objekte (Antweiler 2015: 120f., Kursiv im Original).
Dabei warnt Antweiler allerdings auch: „Ethnologische Museen egal welcher Größe können nicht alles, sonst überlasten sie ihre Mitarbeiter und ermüden die Institution“ (ibid.: 121). Und er schlussfolgert:
Ethnologische Museen sollten primär das Fach Ethnologie präsentieren. Sie sollten Völkerkunde-Museen (Ethnologie-Museen) sein und nicht Völker-Museen (Ethno-Museen) (ibid.: 128).
Die Museumswissenschaftlerin Sharon MacDonald wiederum sieht den Ausgangspunkt für die museumsethnologische Arbeit nicht nur in vorhandenen Gegenständen, sondern vor allem in zeitgenössischen Praktiken:
[Ethnographic museums] should be key sites for cultural reflection on – and even intervention in – our contemporary world and global histories. I have already said that I would like to flex the boundaries and stir things up more. I would like to keep an ethnographic ambition of taking us into other practices and lifeworlds – but without pinning this either onto outside Europe or even thinking it geographically. There are today practices and ways of life that spread over continents – and this isn’t just the category of ‘migrants’ – but, say, things people engaged in cosplay or bitcoin or deciding how best to curate their selfie collection. I would like to see ethnographic museums push more into quirky, surprising, thoughtful topics like these, or like global dept and its consequences, popular protest, or sleep practices (including the contemporary sleep deprivation epidemic), that can get people thinking and debating – making us think about what it is to be human and, indeed, whether we even want to draw firm lines around that (MacDonald 2019: 364f.).
Wie umstritten selbst der Versuch sein kann, das Konzept „Museum“ zu definieren, zeigen die Bemühungen des Internationalen Museumsrates (ICOM) eine allgemeingültige Festlegung zu finden. Seit 2007 Zeit lautete die weithin akzeptierte, von ICOM im Artikel 3 seiner Statuten aufgestellte Definition:
Ein Museum ist eine dauerhafte Einrichtung, die keinen Gewinn erzielen will, öffentlich zugänglich ist und im Dienst der Gesellschaft und deren Entwicklung steht. Sie erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zweck von Studien, der Bildung und des Genusses.
2016 begannen Überlegungen zu einer Neuformulierung. 2019 wurde ein neuer Vorschlag so kontrovers diskutiert, dass man auf eine Verabschiedung der Definition zunächst verzichtete und beschloss, in den nationalen und internationalen ICOM-Komittees einen umfassenden Meinungsbildungsprozess zu starten. Die neue Definition wurde schließlich 2022 verabschiedet. Sie lautet nun:
Ein Museum ist eine nicht gewinnorientierte, dauerhafte Institution im Dienst der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Öffentlich zugänglich, barrierefrei und inklusiv, fördern Museen Diversität und Nachhaltigkeit. Sie arbeiten und kommunizieren ethisch, professionell und partizipativ mit Communities. Museen ermöglichen vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Bildung, Freude, Reflexion und Wissensaustausch.
Aufgabe:
1. Vergleichen Sie die beiden ICOM-Definitionen. Was sind die jeweils charakteristischen Elemente? Wo liegen die Unterschiede? Wie bewerten Sie diese Unterschiede?
2. Wie würden Sie die Aufgaben einer Ethnologischen Sammlung bzw. eines Museums bestimmen?