1) Objektforschung und Bedeutung von Sammlungen und Museen

Ebenen der Objektanalyse

Der Archäologe Ian Hodder benennt jenseits der Materialität drei Bedeutungsebenen menschlicher Artefakte. Als erstes verweist er auf die Funktion, die ein Objekt haben kann. Hodder nennt dies auch die Wirkung(en), die es auf die Welt hat. Zweitens kann die Bedeutung eines Dings darin liegen, dass es Teil eines Codes bzw. einer Struktur ist. Neben dem Gebrauchswert besitzt es also auch eine symbolische Bedeutung, die abhängig ist von seiner Stellung innerhalb dieses gesellschaftlichen Codes. In beiden Fällen kann die Rolle, die ein Gegenstand erfüllt, auch von einem jeweils anderen eingenommen werden (z.B. als Werkzeug oder Informationsvermittler). Die dritte Bedeutungsebene ist für Hodder der historische Gehalt an Ideen und Assoziationen, die mit einem bestimmten Gegenstand verbunden sind. Auf dieser Ebene besitzt ein Gegenstand Bedeutung(en), die wandelbar, aber nicht willkürlich oder beliebig verwend- oder austauschbar sind (Hodder (1987), in Pearce 1994: 12).

Die Ethnologin Mareile Flitsch nimmt bei der Analyse von Museumsobjekten einen spezifischen Aspekt in den Fokus. Sie betont: „Denn gerade darauf stösst man in einer ethnologischen Sammlung immer wieder: auf Könnerschaft, auf Erfindungsreichtum, auf Sorgfalt und Handfertigkeit, auf Innovation und Bastelei (bricolage), auf Dokumente des Nachdenkens über sich und die Welt“ (Flitsch 2014: 13). In einer von ihr gemeinsam mit ihrem Team am Zürcher Völkerkundemuseum erstellten vergleichenden Ausstellung zum Thema „Trinkkultur – Kultgetränk“ durchsuchten die Wissenschaftler*innen die Magazine des Hauses zunächst nach Objekten aus dem Kontext des „Trinkens“ und gingen lokaltypischen Getränken von herausragender Bedeutung – Milch, Maniokbier, Kawa, Palmwein, Tee und Reisbier – auf unterschiedlichen Ebenen nach. Auf den ersten Blick unscheinbare Objekte – wie ein Reisbecher – wurden auf mehreren Ebenen untersucht und in ihren kulturellen Kontext gestellt. Dabei wurde ebenfalls ein dreiteiliger Ansatz verfolgt (ebd.: 22):

  • Technische Effizienz: Materielles und technisches Wissen, praktisches Können, und technische Effizienz
  • Soziale Organisation: die Gesellschaft insgesamt betreffendes Wissen über Geschichte und kollektive Erinnerung, über individuelle und soziale Identität, über soziale Strukturen, Arbeitsteilung und Wirtschaft, über Raumvorstellungen und die natürliche Umgebung
  • Weltanschauung: Kenntnis der Wertesysteme, Kosmologien, Weltanschauungen und Glaubensvorstellungen, mit denen die Welt und damit auch Objektordnungen im Alltag repräsentiert, gefasst und geordnet werden

Aufgabe:
Nehmen Sie einen Gegenstand aus Ihrer unmittelbaren Umgebung. Überlegen Sie, inwiefern die oben genannten Ebenen Ihnen bei der Bedeutungserschließung hilfreich erscheinen? Welche Fragestellung erscheint Ihnen aus welchen Gründen vielversprechend?