1) Objektforschung und Bedeutung von Sammlungen und Museen

Diffusionismus

Ein von Museumsethnologen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelter Ansatz war der sogenannte „Diffusionismus“. Dabei ging es darum, Verbreitungsprozesse von Dingen – aber auch von Sozialstrukturen und kulturellen Vorstellungen – im Raum zu identifizieren und aus vorgefundenen vergleichbaren Elementen oder Parallelen Schlüsse über historische Beziehungen wie z.B. Austauschbeziehungen oder Migration abzuleiten. Fritz Gräbner (1877-1934) definierte für entsprechende Untersuchungen zwei Hauptkriterien: Die Form eines Gegenstandes – genauer seine „Übereinstimmung in Eigenschaften, die sich nicht mit Notwendigkeit aus dem Wesen des Objektes ergeben“ (Graebner 1911: 108) sowie die Häufigkeit seines jeweiligen Vorkommens an einem bestimmten Ort. Wenn also Objekte, die sich auf eine Weise ähnlich sind, die nicht auf die Funktion des Gegenstandes zurückzuführen ist (Formkriterium), gehäuft an verschiedenen Orten gleichzeitig vorkommen (Quantitätskriterium), so galt für ihn eine unabhängige Erfindung dieser Dinge als unwahrscheinlich und stattdessen die Existenz historischer Beziehungen als gegeben.

Theorien und neue methodische Ansätze entstehen dabei nicht einfach im luftleeren Raum, sondern wie alles andere auch in einem bestimmten zeit- und kulturspezifischen Kontext. Sie können Weiterentwicklungen von Bestehendem, aber auch der Versuch einer kritischen Kehrtwende sein. In beiden Fällen nehmen sie unmittelbar Bezug auf bestehende Annahmen der eigenen Zeit. Diffusionistische Ansätze in der Ethnologie des frühen 20. Jahrhunderts versuchten zum einen, eine Antwort auf die Frage nach einer sinnvollen wissenschaftlichen Verwendungsweise der stetig zunehmenden und bis dato weder theoretisch noch praktisch angemessen durchdrungenen Objektmengen in den neu entstandenen Museen zu finden. Mit dem Versuch, hierfür neue Ansätze und Methoden zu entwickeln, wandten sie sich zum anderen zugleich gegen bestehende, aus ihrer Sicht spekulative und keine ausreichende wissenschaftliche Basis besitzende Theorien, die eine Übertragung evolutionistischer Überlegungen in den gesellschaftlichen Bereich vornahmen.

Grafische Darstellung der diffusionistischen Arbeitsweise: Formvergleich, Rekonstruktion der Evolution und Ausbreitung materieller Kultur im Raum (aus: Bräunlein 2012: 32, im Original von A. Pitt-Rivers).

Umfassende Kritik am „Diffusionismus“ (bzw. der eng mit ihm in Verbindung stehenden „Kulturkreislehre“) gab es bereits von Zeitgenossen. Unter anderem wurde auf die Möglichkeit gleicher, sich aber unabhängig voneinander entwickelnder Kulturelemente verwiesen („Konvergenzen“), die somit nicht durch „Diffusion“ oder „Kulturkontakt“ zu erklären sind. Zum anderen wurden die großen Entfernungen in Raum und Zeit, welche von den Diffusionisten auf Basis einer vergleichsweise geringen empirischen Datenlage überbrückt wurden, indem sie Charakteristika weit entfernter Kulturen vergleichend zueinander in Verbindung setzten, mit Skepsis betrachtet (vgl. Kraus 2004: 469-481). Aus heutiger Sicht urteilt Anna-Maria Brandstetter (2019: 56) über die ethnologische Theoriebildung zu Beginn des 20. Jahrhunderts: „Allen Ansätzen, ob auf der Suche nach der Geschichte der Menschheit, nach ‚geographischen Provinzen‘ oder nach ‚Urkulturen‘, ist gemeinsam, dass sie sich für Gesetzmäßigkeiten von Formen, Gestaltung, Motiven und Materialien und die Herkunft der Dinge interessierten, aber nicht dafür, wie Menschen mit den Dingen handelten, oder gar, was die Menschen über die Dinge zu sagen hatten.“

Auch wenn die zeitspezifische Ausprägung des genannten Ansatzes heute als überholt gilt, sind Fragen nach den Formen und Auswirkungen der Verbreitung von Dingen, Ideen oder auch Personen weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.