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Einführung Soziologische Kriminalitätstheorien@CIDAS4u

4 Die Anomietheorie & Labeling-/Ettiketierungstheorie (7/9)

Die Labeling-/Ettiketierungstheorie

„Alle sozialen Gruppen stellen Verhaltensregeln auf und versuchen sie – zu gewissen Zeiten, unter gewissen Umständen – durchzusetzen. Soziale Regeln definieren Situationen und die ihnen angemessenen Verhaltensweisen, indem sie einige Handlungen als „richtig“ bezeichnen, andere als „falsch“ verbieten. Wenn eine Regel durchgesetzt wird, kann der Mensch, der sie verletzt haben soll, als besondere Art Mensch angesehen werden, als eine Person, die keine Gewähr dafür bietet, dass sie nach den Regeln lebt, auf die sich die Gruppe geeinigt hat. Sie wird als Außenseiter angesehen.“[1]

von pixabay.com unter CC0

Dieser Prozess der Etikettierung, des Labelns nimmt die gleichnamig Theorie zum Ausgangspunkt für Erklärungen im Bereich der Kriminalität. Dabei wird insbesondere die gesellschaftliche Zuschreibung von Kriminalität durch förmliche strafrechtliche und informelle gesellschaftliche Reaktionen in den Blick genommen. Es geht folglich zunächst vorrangig um Kriminalisierungsprozesse, d.h. um Prozesse des Aushandelns von Wirklichkeitsdefinitionen, mittels derer Kriminalität zugeschrieben wird. Statt nach dem Warum kriminellen Handelns von Einzelnen zu fragen lauten relevante Fragen nun: Warum gelten bestimmte Handlungen als Normverstöße und andere nicht? Wie werden Rechtsregeln angewendet und was sind Konsequenzen dieser Anwendung? Damit wird die traditionelle Perspektive der Kriminologie auf den Kopf gestellt:

Kriminalität ist nicht mehr etwas objektiv Gegebenes und Erforschbares, sondern entsteht vielmehr erst durch selektives Kontrollverhalten gesellschaftlicher Institutionen. Durch diese Umkehrung der kausalen Beziehung zwischen kriminellem Verhalten und der Praxis der Kriminalitätskontrolle rücken die Instanzen der Kriminalitätskontrolle in den Fokus und können mit Blick auf ihre selektive, stigmatisierende und isolierende Wirkung hin untersucht werden: Warum gibt es bspw. ein anderes Kontrollverhalten im Bereich der Wirtschafts- und Umweltkriminalität als bei einfacher Straßenkriminalität?[2]

Darüber hinaus kann die Etikettierungs-/Labelingtheorie aber auch als Kriminalitätstheorie zum Einsatz kommen, indem sie die Ursachen von Kriminalität in der Übernahme eines durch die gesellschaftliche Kontrollpraxis erzeugten kriminellen Selbstbildes verortet. Die Annahme gründet sich darauf, dass eine deviant handelnde Person bei wiederholt negativer Reaktion auf ihr Verhalten nach anfänglichen Widerständen gegen entsprechende Zuschreibungen irgendwann dazu übergehen wird, die Beschreibung der eigenen Person zu akzeptieren und in die Selbstbeschreibung zu übernehmen.

Diese Etikettierung einer Person als „kriminell“ führt in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf zum immer weiteren Abrutschen in die Delinquenz: Einmal negativ aufgefallen lassen sich erhöhte Aufmerksamkeit und strengere Reaktionen auf weitere Normbrüche leicht rechtfertigen, sodass es zu einer ständigen Aktualisierung des Labels „kriminell“ kommt, bis dann in einer selbsterfüllenden Prophezeiung tatsächlich eine kriminelle „Karriere“ eingeschlagen wird.[3]


[1] Becker Außenseiter, S. 1.
[2] Kunz/Singelnstein Kriminologie S. 169 f.
[3] Kunz/Singelnstein Kriminologie S. 171 f.


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