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Einführung Soziologische Kriminalitätstheorien@CIDAS4u

4 Die Anomietheorie & Labeling-/Ettiketierungstheorie (4/9)

Die Anomietheorie II

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Merton zufolge definiert zunächst die kulturelle Struktur die kulturell festgelegten Ziele, die allen Mitgliedern der Gesellschaft als legitime Zielsetzungen dienen. Zudem wird durch die kulturelle Struktur festgelegt, welche Wege Gesellschaftsmitglieder zur Erreichung dieser Ziele einschlagen dürfen – so ist Wohlstand (kulturelles festgelegtes, erstrebenswertes Ziel) in unserer Gesellschaft durch Unternehmertum (kulturell festgelegtes Mittel) legitimerweise erreichbar, nicht aber durch Diebstahl. Damit in einer solchen Gesellschaft – idealerweise – alle mehr oder weniger zufrieden sind, müssen die sozialstrukturellen Positionen der Gesellschaftsmitglieder ihnen grundsätzlich ermöglichen, die Ziele auf den dafür gedachten Wegen zu erreichen. Die Sozialstruktur in kapitalistischen Gesellschaften stattet die Gesellschaftsmitglieder jedoch mit unterschiedlichen Chancen hinsichtlich der Nutzung von gesellschaftlich als legitim geltenden Wegen zur Zielerreichung aus, sodass – so die zentrale These – aus dieser Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit Kriminalität als Anpassungsstrategie entspringt:[1]

„Nur wenn das kulturelle Wertsystem bestimmte gemeinsame Erfolgsziele für die ganze Bevölkerung über alle übrigen Ziele setzt, während die Sozialstruktur für einen großen Teil dieser Bevölkerung den Zugang zu den gebilligten Mitteln zum Erreichen dieser Ziele entscheidend einengt oder sogar völlig verwehrt, haben wir abweichendes Verhalten in größerem Umfang zu erwarten.“[2]

Merton hat dabei insbesondere Eigentumskriminalität in der US-Amerikanischen Gesellschaft im Blick, in der individueller Wohlstand als zentrales Lebensziel gilt und damit gleichzeitig mit hohem gesellschaftlichen Ansehen verbunden ist und mit Fleiß und harter Arbeit assoziiert wird. Diejenigen, die wenig haben, gelten umgekehrt als faul und unmoralisch, denn sie verweigern die protestantische Arbeitsmoral. Dass den sozial Schwachen schlicht weniger Chancen zur Akkumulation persönlichen Reichtums offen stehen und sie daher – anders als es ein egalitäres Narrativ von universeller Chancengleichheit ihnen kulturell vermittelt – nicht Schuld an ihrer sozialstrukturellen Position sind, wird nicht vermittelt. Enttäuschung, Frustration und Unmut sind die Folge bei den Verlierern der modernen (post-)industriellen Gesellschaft. Der sich so aufbauende Druck bricht sich bei einigen in Form kriminellen Verhaltens Bahn: Hat man die kulturellen Zielsetzungen internalisiert, aber keine Mittel zu ihrer Erreichung zur Verfügung, muss man zu illegitimen, rechtswidrigen Mitteln, also Eigentumskriminalität, greifen, um zu Wohlstand zu kommen, will man nicht in einem empfundenen Zustand dauerhaften Scheiterns leben.[3]


[1] Merton Sozialstruktur und Anomie, S. 286 ff.
[2] Merton Sozialstruktur und Anomie, S. 298.
[3] Kunz/Singelnstein Kriminologie, S. 96 f.


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